Unterwegs und Sein
Ich reise sicher!?!

 Tourismus in der Krise

 

 

 

Touristen als Seismographen (FAZ)

Veröffentlicht von marcus (marcus) am 04/02/2009
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, Donnerstag, 18.01.2007
 

Touristen als Seismographen
 

Die Ziele von Auslandreisen werden durch Krisen stark beeinflusst / CMT in Stuttgart gilt als Branchenbarometer
STUTTGART, 17. Januar 
"Das wird ein unvergessliches Erlebnis für Sie sein", versichert die Hostess am Amerika-Stand auf der CMT: "Da können Sie sich sogar vor dem Originalmikrofon von Elvis fotografieren lassen - also mit dem er die erste Platte aufgenommen hat", erklärt sie dem Mittfünfziger, der einmal nach Graceland reisen möchte. Hochzufrieden wendet er sich ab, einen dicken Prospekt in der Hand. Die Reise nach Memphis ist so gut wie gebucht, das steht ihm ins Gesicht geschrieben. Gleich nebenan ist eine Touristin mit einer anderen Hostess ins Gespräch vertieft über Restaurants in Florida: "Wenn Sie dann am Kreisverkehr links abbiegen, kommt nach zweihundert Metern ein französisches Lokal, ganz prima!" 

Es geht ans Eingemachte am Stand der Vereinigten Staaten auf der Stuttgarter Messe CMT (Caravan, Motor, Touristik). In großen Trauben drängen sich die Reiselustigen um den Stand - keine Spur von Amerika-Müdigkeit. Dabei haben die Vereinigten Staaten durchaus Federn lassen müssen. Die verschärften Einreiseregeln und die zum Teil unfreundliche Abfertigung hätten "ein Klima der Angst und Unsicherheit" erzeugt, berichtet Hans-Peter Muntzke, der für die Dresdner Bank regelmäßig die Reisebranche im Blick hat: Die Deutschen seien daher nicht mehr so gern nach Amerika geflogen, dafür häufiger nach Asien - gerade auch in die vor zwei Jahren vom Tsunami zerstörten Regionen: "Touristisch betrachtet ist der Tsunami aufgearbeitet", erklärt Muntzke.

Wie Seismogrpahen reagieren die Touristen auf Störungen; das zeigen die von der Dresdner Bank regelmäßig zur CMT in Stuttgart vorgelegten Zahlen. So sind Reisen in islamische Länder längst nicht mehr so beliebt wie früher: Terroranschläge und Bürgerkriege vermiesen die Reiselust. Im vergangenen Jahr hat nach Muntzkes Beobachtung auch der Karikaturenstreit eine Rolle gespielt und - im Fall der Türkei - die Vogelgrippe. Um 20 Prozent sind die Einnahmen der Türkei von deutschen Touristen abgesackt. 

Alles in allem aber haben die Deutschen im vergangenen Jahr wieder tief in die Tasche gegriffen für ihr Urlaubsvergnügen. Und weil auch Geschäftsreisen dank der guten Konjunktur eher zugenommen haben, ist uns der Titel "Reiseweltmeister" wieder einmal nicht zu nehmen: 60,5 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Reisen ausgegeben; das sind 3,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Nur die Amerikaner kommen annähernd an diesen Wert heran, weit abgeschlagen folgen die Briten. Franzosen geben nicht einmal halb so viel Geld für Reisen im Ausland aus, Italiener noch viel weniger. Auch 2007 wird sich daran wenig ändern, prognostiziert der Tourismusexperte der Dresdner Bank, obwohl die Mehrwertsteuererhöhung und der Wegfall mancher Erleichterung die Kaufkraft jedes einzelnen Bürgers um durchschnittlich 250 Euro schmälern werde: Das Reisen habe für die Deutschen so hohe Priorität, dass man mit einer weiteren Zunahme der Reiseausgaben um 2,5 Prozent rechne.

In Stuttgart ist die gute Reisekonjunktur mit Händen zu greifen. Die Messe CMT gilt, weil sie die größte Publikumsmesse für die Tourismus- und die Caravan-Branche ist, traditionell als Barometer für die Reiselust der Deutschen. Den Baden-Württembergern, die zu Zigtausenden auf die noch bis Sonntag dauerende Messe strömen, ist das Reisen besonders wichtig. Sie geben je Person und Reise 925 Euro aus und damit 11 Prozent mehr als der bundesdeutsche Durchschnitt. Das hat die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) ermittelt. Und während 56 Prozent aller Deutschen für dieses Jahr eine Urlaubsreise planen, liegt die Quote in Baden-Württemberg sogar bei 63 Prozent. 

Von der guten Entwicklung profitieren die traditionellen Veranstalter und die Reisebüros aber kaum. Nur ein Prozent Umsatzzuwachs haben die Reiseveranstalter im vergangenen Jahr verbucht, bei den Reisbüros liegt das Plus sogar nur bei 0,5 Prozent. Dass überhaupt ein Wachstum erzielt worden ist, liegt nach Einschätzung der Dresdner Bank allein an den Geschäftsreisenden. Bezogen auf das touristische Segment hätten die Reisebüros im vergangenen Jahr ein Umsatzminus von einem Prozent verbucht, berichtet Hans-Peter Muntzke. Seit dem Jahr 2000 sei der Umsatz der Reisebüros im touristischen Segment sogar um 22 Prozent zurückgegangen. Mehr als 30 Prozent der Reisebüros hätten seither aufgegeben - einerseits weil die Provisionen schrumpfen und es immer neue Vertriebswege gebe, andererseits weil die Deutschen immer selbständiger werden. "Die Billigflieger und das Internet veranlassen immer mehr Reisende, ihren Urlaub selbst zusammenzustellen, vor allem seit es auch immer mehr Billigflüge zu den klassischen Urlaubszielen gibt", erklärt Muntzke. Messen wie die CMT, bei der nicht die großen Konzerne, sondern die Urlaubsregionen von Abano Terme bis Zypern ihre Angebote präsentieren, gewinnen vor diesem Hintergrund an Attraktivität.

Das ganz große Pluszeichen steht in der Reiseverkehrsbilanz des Jahres 2006 aber bei Deutschland selbst: die Einnahmen sind um 10 Prozent auf 26 Milliarden Euro gestiegen. Die Fußball-Weltmeisterschaft hat einen erheblichen Anteil daran. Allein im Juni lagen die Einnahmen um 38 Prozent über dem Vorjahreswert. Den Gesamteffekt durch dieses Großereignis beziffert die Bundesbank auf 1,5 Milliarden Euro - was im Umkehrschluss bedeutet, dass auch ohne die WM die Reiseeinnahmen kräftig gestiegen sind. 

Ein im Vergleich zum internationalen Tourismus überdurchschnittliches Plus für Deutschland erwartet die Dresdner Bank auch für dieses Jahr, und nennt gleich mehrere Gründe, zum Beispiel den zunehmenden Einkaufstourismus nach Deutschland, aber auch die zunehmende Kaufkraft in Osteuropa. Die gute Konjunktur führt außerdem zu einer Zunahme der Geschäftsreisen - und diese sind für Deutschland besonders wichtig: Mehr als ein Viertel aller Reiseeinnahmen entfällt auf Geschäftsreisen, während es im internationalen Durchschnitt nur 16 Prozent sind. Allein dass in Deutschland zwei Drittel aller führenden Messen stattfinden, ist ein wichtiger Posten in dieser Rechnung.
 

Quelle: FAZ, zitiert in http://www.merkur-fh.org/content/pressemeldung_branche.php?identnr=136

Zuletzt geändert am: 04/02/2009 um 9:14 PM

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