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Tourismus

Über das Reisen

 

 

Alles Existieren ist Unterwegssein. Erfahrungen mit dem Experiment "Philosophische Reisen"

in: Detlef Staude (Hg): Lebendiges Philosophieren. Philosophische Praxis im Alltag. Bielefeld 2005, S. 11 - 2 

Reisen ist eine hochphilosophische Tätigkeit

Das Reisen hat seit jeher einen eigentümlich seidigen Glanz. Wer reist, sehnt sich nach größeren Räumen, nach anderer kultureller Temperatur, wer reist, ist sinnhungrig und kann sich am Bestehenden nicht sättigen. Wer reist, hofft darauf, hinter der nächsten Wegkuppe warte etwas auf ihn, vielleicht, dass er sich’s ergänzen kann zum Torso seines eigenen Lebens. Reisen ist für sich schon eine hochphilosophische Angelegenheit.  

Das jedenfalls könnte es sein. Vielleicht war es das auch einmal gewesen, damals, als 1271 der vom Fernweh geplagte Marco Polo aufbrach nach China. Oder als Georg Forster, der an der zweiten Weltumsegelung James Cooks teilnahm, an jenem Morgen des Jahres 1773 die Insel Tahiti am Horizont aufsteigen sah. Oder als der französische Ethnologie Claude Lévi-Strauss am Ende seines Feldaufenthaltes in Zentralbrasilien in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in einem trostlosen Indianerkaff festsaß und in ihm eine Chopin-Etüde aufsteigt über dem Staub der Savanne, ein Stück Frankreich, Heimat, der er, der junge Ethnologe, geflohen war der größeren Räume wegen, sie kommt ihm nun entgegen im Glast des Mittagslichtes. Fernweh und Heimweh, dahinein ist das Reisen philosophisch gespannt: die Lust auf das Fremde, auf das Offene, und der ziehende Schmerz, der die Seele ergreift, wenn sie nach Heimat sich sehnt, nach Ursprung, Ruhe und Ewigkeit. Beide Pole sind ganz wesentliche Dimensionen menschlicher Existenz, denn Existieren heißt, sich zu entwerfen auf etwas, das man noch nicht ist, wie auch – im Gegenzug – sich zu erinnern an etwas, das man nicht mehr ist. Existieren heißt, philosophisch gesprochen, hinaus zu stehen über Gegenwart und Präsenz, existieren heißt, seinen Geist und seine Sinne an eine Wirklichkeit zu halten, die noch zu gewinnen oder deren Verlust zu betrauern ist. Existieren bedeutet, philosophisch gesehen, weniger ein Sein denn ein Werden und ein Sehnen, und weil das so ist, deshalb ist Existieren immer auch wie ein Zustand des Reisens. Denn vom Reisen sagt man ja, der Weg schon sei das Ziel, der Prozess das Wesen, und eben dasselbe gilt vom Leben der Subjektivität. 

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